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Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“: Das ändert sich mit der 1. Aktualisierung

vor 6 Tagen
6 Min. Lesezeit

Die 1. Aktualisierung des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ bestätigt den bisherigen Ansatz grundsätzlich. Im Mittelpunkt stehen weiterhin die soziale und personale Identität von Menschen mit Demenz sowie die Stärkung ihres Person Seins.

Große Veränderungen bleiben deshalb aus. Zielsetzung und Begründung wurden im Kern beibehalten und sprachlich präzisiert. Auch die meisten Struktur, Prozess und Ergebniskriterien bleiben bestehen.

Eine Veränderung verdient jedoch besondere Aufmerksamkeit: Verstehenshypothesen werden erstmals ausdrücklich im Prozesskriterium P2a verankert.

Für Pflegefachkräfte, Leitungskräfte und Qualitätsbeauftragte ist genau dieser Punkt entscheidend. Denn er verändert weniger die grundsätzliche Haltung als vielmehr den Weg von der Einschätzung zur konkreten Maßnahmenplanung.


Aktuelle Tabelle der Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien des Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz, .Aktualisierung 2026,

Aktuelle Tabelle der Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien des Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz, .Aktualisierung 2026,

Was ist neu am Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Demenz?

Die wichtigste Neuerung findet sich auf der Ebene der Maßnahmenplanung.

Pflegende sollen die vorhandenen Informationen über einen Menschen mit Demenz nicht lediglich sammeln. Sie sollen diese Informationen zusammenführen und daraus nachvollziehbare Hypothesen zum Erleben und Verhalten der Person entwickeln.

Damit rückt eine zentrale Frage stärker in den Pflegeprozess:

Warum könnte sich dieser Mensch in dieser Situation genau so verhalten?

Verhalten soll nicht vorschnell bewertet werden. Vielmehr gilt es, seinen möglichen subjektiven Sinn zu verstehen.


Verstehenshypothesen werden Teil des Pflegeprozesses


Das neue Prozesskriterium P2a beschreibt die Entwicklung von Verstehenshypothesen ausdrücklich als Aufgabe der Pflegefachperson.

„Die Pflegefachperson entwickelt gemeinsam mit allen an der Pflege Beteiligten auf Basis der im Rahmen des Pflegeprozesses gesammelten Informationen Verstehenshypothesen zum Erleben, zum Verhalten und zu Funktionen der Verhaltensweisen des Menschen mit Demenz.“

Damit entsteht zwischen pflegerischer Einschätzung und Maßnahmenplanung ein zusätzlicher gedanklicher Schritt.

Die vorhandenen Informationen werden nicht nur dokumentiert. Sie werden in einen Zusammenhang gebracht.

Dabei stehen unter anderem drei Fragen im Mittelpunkt:

  • Wie erlebt die Person sich selbst, andere Menschen und ihre Umwelt?

  • Aus welchem Denken, Fühlen und Erleben heraus ergibt das Verhalten für die Person einen Sinn?

  • Welche Funktion könnte ein bestimmtes Verhalten haben?

Biografische Informationen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sind sie zunächst nur teilweise vorhanden, bilden auch unvollständige Erkenntnisse einen Ausgangspunkt. Mit neuen Informationen kann und soll die Verstehenshypothese weiterentwickelt werden.

Eine Hypothese bleibt deshalb genau das: eine vorläufige Erklärung.

Sie muss überprüft, ergänzt und bei Bedarf verworfen werden.


Verhalten nicht vorschnell bewerten

Besonders wichtig ist die Warnung vor pauschalen Zuschreibungen.

Aussagen wie „Die Person macht das nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen“ oder allgemeine Bewertungen bestimmter Verhaltensweisen können den Blick auf die tatsächliche Situation verstellen.

Der Expertenstandard fordert deshalb einen Perspektivwechsel.

Nicht die Frage, warum ein Verhalten für die Pflege störend ist, steht zuerst im Mittelpunkt. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedeutung dieses Verhalten für den Menschen mit Demenz haben könnte.

Dabei können mehrere Erklärungen nebeneinander bestehen.

Nicht jedes Verhalten lässt sich eindeutig aus Biografie, Persönlichkeit oder Erkrankung erklären. In solchen Situationen können unterschiedliche Hypothesen und daraus abgeleitete Maßnahmen sinnvoll sein.

Erst im weiteren Pflegeprozess zeigt sich, welche Erklärung und welcher Umgang der Person tatsächlich am besten entsprechen.


Warum Verstehenshypothesen die Beziehung verändern können

Der Ansatz reicht weiter als die reine Pflegeplanung.

Die Arbeitsgruppe geht davon aus, dass Pflegende Menschen mit Demenz angemessener begegnen können, wenn sie deren Verhalten besser verstehen.

Ein Beispiel verdeutlicht dies.

Wird das Verhalten eines Menschen als persönliche Bedrohung wahrgenommen, verändert sich auch das eigene Verhalten. Körpersprache, Stimme und Bewegungen können angespannter werden.

Wird dasselbe Verhalten dagegen als Ausdruck von Angst, Unsicherheit oder Orientierungssuche verstanden, verändert sich das innere Bild der Situation.

Pflegende können ruhiger, langsamer und entspannter reagieren.

Gerade die unbewussten und nonverbalen Anteile der Kommunikation gewinnen dadurch an Bedeutung. Sie werden vom Menschen mit Demenz ebenfalls als Beziehungssignale wahrgenommen.

Verstehen wird damit zu einem Teil pflegerischen Handelns.


Person zentrierte Pflege bleibt die Grundlage

Auch nach der Aktualisierung bleibt die person zentrierte Haltung zentral.

Das Strukturkriterium S1a beschreibt:

„Die Pflegefachperson hat eine person-zentrierte Haltung in der Pflege von Menschen mit Demenz entwickelt.“

Person zentrierte Pflege richtet den Blick auf den Menschen selbst und nicht allein auf Defizite oder einzelne Verrichtungen.

Beziehung entsteht durch Anerkennung, Vertrauen und Respekt.

Gerade bei Menschen mit Demenz bedeutet dies, Pflege nicht nur danach auszurichten, was getan werden muss. Ebenso wichtig ist, wie Pflege stattfindet.

Eine gute Pflege besteht deshalb nicht in erster Linie aus möglichst störungsfreien Abläufen. Sie zeigt sich vielmehr in hochwertigen Interaktionen, durch die sich ein Mensch gehört, verstanden und angenommen fühlen kann.


Weg von der Verrichtung, hin zur Beziehung

Der aktualisierte Expertenstandard grenzt person zentrierte Pflege deutlich von einer rein funktionsbezogenen Versorgung ab.

Anziehen, Essen, Mobilisation oder Körperpflege bleiben selbstverständlich notwendige Bestandteile der Pflege.

Sie sollen jedoch in Beziehungshandeln eingebettet werden.

Der Aufbau einer tragfähigen Beziehung ist damit keine zusätzliche Aufgabe neben der eigentlichen Pflege. Er bildet vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass funktionale Tätigkeiten überhaupt person zentriert durchgeführt werden können.

Das betrifft auch die Organisation.

Zeit für Beziehungsgestaltung muss bei der Planung personeller Ressourcen berücksichtigt werden. Person zentrierte Pflege ist damit nicht allein eine Frage der Haltung einzelner Pflegekräfte, sondern auch eine Aufgabe der Einrichtung.


Kein neues Instrument, aber ein klarerer Blick

Auf der ersten Kriterienebene bleibt das grundsätzliche Vorgehen bestehen.

Nach der aktuellen Literaturanalyse gibt es weiterhin kein Instrument, das sämtliche relevanten Unterstützungsbedarfe der Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz zuverlässig erfasst. Der Mensch, sein Leben und seine Erkrankung sind zu individuell.

Die Arbeitsgruppe empfiehlt deshalb weiterhin ein kriteriengestütztes Vorgehen.

Die Formulierungen des Prozesskriteriums wurden vor allem im Hinblick auf die Verständlichkeit angepasst.

Neu betont wird außerdem der Unterstützungsbedarf von Angehörigen.

Auch ihre Situation kann die Beziehungsgestaltung beeinflussen. Belastungen, gesundheitliche Beeinträchtigungen oder nicht berücksichtigte Versorgungsbedürfnisse sollten deshalb in den Blick genommen werden.


Einrichtungen tragen mehr Verantwortung für person zentrierte Pflege

Die Aktualisierung unterstreicht deutlicher die Rolle der Einrichtung.

Person zentrierte Pflege kann nicht allein von einzelnen engagierten Pflegefachpersonen getragen werden.

Erforderlich sind passende Rahmenbedingungen, Qualifikation und Organisationsentwicklung.

Fort und Weiterbildung aller an der Pflege beteiligten Personen gewinnen dabei ausdrücklich an Bedeutung.

Für Leitungskräfte und Qualitätsmanagement ergibt sich daraus eine wichtige Frage:

Ermöglichen die bestehenden Strukturen tatsächlich person zentrierte Beziehungsgestaltung oder fördern sie vor allem funktionale Abläufe?

Diese Frage betrifft Personalentwicklung, Fortbildungsplanung und Qualitätsentwicklung gleichermaßen.


Maßnahmenplanung: Die größte Änderung der Aktualisierung des Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“

Auf der zweiten Kriterienebene liegt der wesentliche Unterschied zur bisherigen Fassung.

Verstehenshypothesen werden jetzt ausdrücklich mit der Maßnahmenplanung verbunden.

Die dafür notwendige Kompetenz der Pflegenden wird ebenso hervorgehoben wie die strukturellen Voraussetzungen innerhalb der Einrichtung.

Verstehenshypothesen sollen gemeinsam mit anderen an der Pflege beteiligten Personen entwickelt werden.

Sie werden dadurch nicht zum isolierten Gedanken einer einzelnen Pflegekraft, sondern können Bestandteil eines gemeinsamen Verständnisses im Team sein.

Das Ergebniskriterium empfiehlt, diese Hypothesen als Grundlage und Bestandteil der Maßnahmenplanung zu nutzen.


Information, Anleitung und Beratung

Die dritte Kriterienebene bleibt weitgehend unverändert.

Eine Konkretisierung betrifft das Strukturkriterium S3b.

Einrichtungen sollen geeignete Rahmenbedingungen und Materialien für Information, Anleitung und Beratung nicht nur für Angehörige bereitstellen. Auch Menschen mit Demenz selbst sollen dabei angemessen berücksichtigt werden.

Die Kommentierungen wurden redaktionell überarbeitet und Hinweise auf Informationsmaterialien aktualisiert und erweitert.


Beziehungsgestaltung gehört in jede Pflegesituation

Auch die vierte Kriterienebene wurde präzisiert.

Die Formulierung „Angebot von Maßnahmen“ wurde verändert, weil Beziehungsgestaltung nicht an einzelne Angebote gebunden sein soll.

Sie gehört in das gesamte pflegerische Handeln.

Ob Körperpflege, Mobilisation, Mahlzeit oder Gespräch: Die Beziehung ist kein Zusatz zur Maßnahme.

Sie ist Teil ihrer Durchführung.

In der Kommentierung werden deshalb unter anderem Lebensweltorientierung, Wahrnehmungsförderung, Wertschätzung und Zuwendung stärker berücksichtigt.


Evaluation: Kontinuität der Beziehung beachten

Die Kriterien der Evaluation wurden inhaltlich nicht verändert.

Die aktualisierte Kommentierung berücksichtigt jedoch stärker unterschiedliche Formen und Schweregrade der Demenz.

Zudem wird die Bedeutung einer kontinuierlichen person zentrierten Beziehung hervorgehoben.

Fluktuierende Zustände können die Einschätzung beeinflussen und müssen bei der Evaluation berücksichtigt werden. Das gilt ebenso für die jeweilige Form der Demenz.

Evaluation bedeutet damit nicht nur zu prüfen, ob eine Maßnahme durchgeführt wurde.

Entscheidend ist, ob sie zur Person, zu ihrer aktuellen Situation und zum bisherigen Verständnis ihres Erlebens passt.


Was bedeutet die Aktualisierung für Pflegeeinrichtungen?

Einrichtungen, die den Expertenstandard bereits erfolgreich umgesetzt haben, müssen voraussichtlich keine grundlegende Neuorganisation vornehmen.

Nach einer Prüfung des bisherigen Vorgehens dürften in vielen Fällen kleinere Anpassungen ausreichen.

Besonders geprüft werden sollte:

  • Werden Verstehenshypothesen bereits systematisch entwickelt?

  • Werden sie im Team besprochen?

  • Fließen sie nachvollziehbar in die Maßnahmenplanung ein?

  • Werden neue Informationen genutzt, um bestehende Hypothesen zu überprüfen?

  • Unterstützt die Organisation person zentrierte Pflege durch Qualifikation und geeignete Rahmenbedingungen?

Das Auditinstrument zum Expertenstandard kann die Analyse unterstützen.

Einrichtungen, die den Standard bislang nicht oder nur teilweise umgesetzt haben, können sich weiterhin an den Ergebnissen der modellhaften Implementierung aus dem Jahr 2019 orientieren.


Fazit: Weniger neue Regeln, mehr bewusstes Verstehen

Die 1. Aktualisierung des Expertenstandards verändert nicht den grundlegenden Kurs.

Person zentrierte Beziehungsgestaltung bleibt das Fundament.

Neu ist vor allem, dass der Weg vom Beobachten zum Verstehen und vom Verstehen zur Maßnahmenplanung deutlicher beschrieben wird.

Verstehenshypothesen machen diesen Schritt sichtbar.

Für die Pflege bedeutet das: Verhalten soll nicht vorschnell bewertet, sondern zunächst eingeordnet werden. Biografie, Erleben, Persönlichkeit und aktuelle Situation werden miteinander verbunden.

Für Leitungskräfte und Qualitätsbeauftragte entsteht daraus eine ebenso wichtige Aufgabe.

Person zentrierte Pflege braucht nicht nur Haltung. Sie braucht Strukturen, Qualifikation und eine Organisation, die Beziehungsgestaltung tatsächlich ermöglicht.



 
 
 

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